KEDAMA - THE STORY (erzählt von Lindi)
 

1971

 

 

Ich hänge in der Kaufmännischen Berufsschule in St. Gallen herum. Dort sind alles Banker- oder Chefsekretärinnen-Typen: schwarz oder grau bekleidet, mit gewählten Argumenten sprechend, künstlerisch aber eher desinteressiert. Es war die Zeit nach Woodstock, für mich also "die Zeit danach". Von den Vorstellungen der Gesellschaft hielt ich nichts, ich hatte nur Augen für das Farbige, Lustige, Lustvolle. Nur ein einziger Typ, er hiess Richard Rothenberger, interessierte mich. Er trug immer einen schmuddeligen Afghanen-Mantel mit langen Fransen. Seine Jeans waren zerfranst und gebleicht. Ich muss ihm auch aufgefallen sein. Er erzählte mir was von einer Orgel, Uriah Heep, Ken Hensley und so. Diese Band kannte ich nicht, aber seine Gestik, währenddem er eine unsichtbare Orgel spielte, gefiel mir. So beschlossen wir bereits eine Band zu gründen, bevor wir wussten, wie der andere überhaupt spielen kann.

1972 Wir spielten und spielten und hatten keinen Plan. Im Jugendhaus in St. Gallen sahen wir einen Zettel hängen: Schlagzeuger SUCHT Band. Das schien ein Typ zu sein, der irgendwie auffiel, deshalb riefen wir ihn auch gleich an und schon hatten wir einen Schlagzeuger. Er hiess Peter ‚Sützg’ Suter. Unseren Namen fanden wir relativ schnell - dazu soviel: es ist auch ein Landstrich in Marokko. Dann spielten wir auch bald einmal das erstemal live, in engstem Freundeskreis. Da waren immerhin etwa 50 Leute. Wir spielten in einem kleinen Jugendlokal und bekamen sagenhafte 112.—Franken, nur weil wir eine Stunde Spass hatten. Das war im Frühherbst 72, und etwas später traten wir das erstemal öffentlich live in einer Turnhalle auf. Von diesem Konzert gibt es Aufnahmen und ich staune heute noch, wie ich das alles in meine Finger gekriegt habe.
 

 

1973

 

 

Wir haben an einem Wettbewerb mitgemacht. Es hiess, die 4 besten Bands der Schweiz könnten gratis ins Studio. Ja, was wohl? Wir haben natürlich gewonnen. Somit spielten wir unsere ersten Studioaufnahmen ein. Zu hören auf der LP ‚Perspectives’ oder auf der LP/CD Live at Sunrise-Studio.

1974 Sensationelle Auftritte wo jedes Mal vier- bis fünfhundert Leute da waren. Es war eine gute Zeit und wir genossen es auch. Wir zogen zusammen mit Freunden in ein Bauernhaus im Hinterthurgau. ‚Düde' Glaus, einer unserer Freunde, sorgte dafür, dass wir gute Instrumente bekamen. Seither  habe ich meine ‚Gibson Les Paul' die Königin der Gitarren. Richi begann auf einem Mellotron zu spielen, jenem sagenhaftem Tasteninstrument, welches auf urtümliche Weise auf Tonband aufgezeichnete Instrumente wiedergeben konnte. Plötzlich gehörten wir zu der legendären ‚Hinterthurgauer-Bauernhaus-Bewegung'. Wir begegneten 'Stars' aus der CH-Szene wie z. B. Hardy Hepp, Tony Vescoli oder Düde Dürst, den bequemen Stadtzürchern, die das Landleben entdeckt hatten. Die beste Begegnung war aber mit dem  total schrillen Pop-Journalisten Bernie Sigg. Der kannte, wie es hiess, die Stones persönlich und plötzlich kannten wir ihn. Wir machten ein gutes Geschäft: Wir halfen ihm beim Umzug seiner riesigen Plattensammlung und er revanchierte sich mit einem Textbeitrag auf unserer LP. Somit wurden wir bereits in den Kultstatus erhoben, was uns Zugang zu den schönsten Konzerten verschaffte. Wir spielten einige Male vor tausenden von Leuten auf dem Zürcher ‚Allmänd-Fäscht'. Hippies pur . . .
 

 

1975

 

 

Christoph ‚Yogi' Birchler wurde unser Manager. Von da an ging's rund und es gab viele gute Konzerte auch bis über die Grenzen. Durch Yogi lernten wir Etienne Conod kennen. Er hatte in der Nähe ein grosses Haus mit kleinen Fabrikanbauten geerbt. Dort lebte er mit seiner Band ‚Sunrise'. Richi kaufte bei ihm eine Hammond B3 aus den vierziger Jahren, dasselbe Instrument, welches er bei Uriah Heep so bewundert hatte. Etienne wurde natürlich gleich zu einer Session gezwungen und die Idee eines Studios wurde geboren. Er hatte den nötigen Platz, ein Kunstkopfmikrofon, und wir unsere Ideen, fast kein Geld und viele gute Instrumente. Das Sunrise-Studio wurde gegründet. Ein Studio, in dem man mit guter Technik zu einem minimalen Preis in hippiefreundlicher Umgebung seine Sounds aufnehmen konnte, wie man wollte. In diesem Studio nahmen später auch berühmte Leute aus der Progressive-Szene ihre Platten auf. Embryo aus Deutschland waren da, das war für mich damals der grösste Knüller.

1976 Wir gaben unsere erste Schallplatte heraus: Kedama - Live at Sunrise-Studio. Plötzlich kannten uns Leute in Basel und in Bern. Die Säle waren randvoll und wir konnten uns nur noch von Party zu Party retten. Beim Konzert im Gaskessel in Bern gelangten wir kaum zur Bühne. Es war alles mit Autos verstopft und vor der Kasse standen die Leute Schlange. Plötzlich wurden wir uns bewusst, dass die Leute wegen uns da waren. An einem anderen Konzert wollte ich nach der vierten Zugabe meine damalige Freundin im Publikum suchen, kam aber nicht durch, weil da Tausende standen. Sie klatschten alle nach vorne und als sie mich sahen, klatschten sie mich an. Sie riefen ‚Zugabe' und ich bemerkte, dass sie wegen uns klatschten. In unserem Bauernhaus trafen wir viele Leute, die wir gar nicht kannten, sich aber trotzdem wie zuhause fühlten. Kaum mehr konnten wir ein ruhiges Plätzchen finden. Es fing jeweils um die Mittagszeit an und endete um vier Uhr morgens. Zwischendurch spielten wir auf der Bühne. Wir hatten ein gut eingespieltes Team. Oftmals hörten wir noch im Bett liegend, wie unsere Roadies mit dem Lastwagen vorfuhren und die Instrumente und Verstärker zusammenpackten.

1977

Schon wieder hatten wir ein völlig neues Programm zusammengestellt und Etienne kaufte eine 8-Spur Bandmaschine von einer afrikanischen Radiostation. Darum gingen wir wieder ins Sunrise Studio und nahmen einige Stücke einer weiteren LP auf. Diese sind jetzt zum Teil zu hören auf der CD Live at Sunrise Studio. Das Geld, worum wir uns überhaupt nie gekümmert hatten, sass uns nun langsam schwer im Nacken. Wir mussten immer wieder Aushilfsjobs suchen. Wir arbeiteten ein paar Wochen sogar als Dachdecker. Mit der Miete waren wir schon seit Monaten im Verzug. Unsere Zusammenarbeit mit Yogi hörte plötzlich auf, niemand weiss heute noch warum. Schlagartig bekamen wir keine Konzerte mehr; wir hatten nur noch die bereits gebuchten. Die zweite LP wurde auf die lange Bank geschoben.
 

1978

 

Unsere Wohngemeinschaft im Hinterthurgau war zerfallen. Peter Suter zog in Richtung Zürich. Richi und ich zogen wieder in die Nähe von St. Gallen. Mit der Band probten wir in Wil, was immer lange Anfahrten erforderte. Die Schulden klemmten uns derart ein, dass Zukunftsängste, Verzweiflung und Depressionen den Mut und die Farbe verdrängten. Das war nicht mehr Kedama und im Frühsommer spielten wir das letzte Mal im Vorprogramm von Embryo im Volkshaus Zürich. Zur gleichen Zeit spielte Eric Clapton in Zürich und bei uns waren gerade mal ca. 30 Leute. Das war eine peinliche Sache und gleichzeitig das vorläufige Ende von Kedama.

1985 Ich hörte von einem Freund, dass unsere LP bei ‚Recommand it Records' im Angebot sein solle. Ich beachtete das nicht.
1994 Jemand erzählte, dass unsere LP's in Tokyo zu horrenden Preisen gehandelt würden als absolute Rarität. Ich beachtete das nicht.
1995 Peter Suter fragte mich nach Master-Bändern. Jemand wolle die Master-Bänder und eine CD davon produzieren. Ich beachtete das nicht.
1996 Die Bänder blieben unauffindbar und im Internet wurde in Tokyo eine CD von uns angeboten. Langsam wurde ich aufmerksam.
1997 Wir bekamen die gute Nachricht, dass unsere LP als CD wieder neu erscheinen solle. Die Aufnahmen wurden nach Berlin gebracht, wo sie von Profis aufgefrischt wurden.
1998 Peter Suter bringt einen Vertrag für die CD, die im 99 rauskommen soll. Im Internet bestellten wir eine Raupkopie-CD von uns und bekamen sie dann auch, direkt aus Tokyo.
1999 Im Internet finden sich immer mehr Links, die man unschwer über Yahoo und dem Kennwort Kedama finden kann. Die CD kam raus und wir staunten über die gute Tonqualität. Es gab zum voraus eine kleine Gage, die wir dann gleich verprassen gingen. Bei dieser Gelegenheit begannen wir über neue Pläne zu sprechen.
2000 Richi und ich starteten mit Aufnahmen für ein neues Kedama-Album. Das Internet wurde für uns ein Fenster zur Welt und wir sahen plötzlich gute Kritiken von Leuten aus USA, Japan, Holland, Deutschland, Spanien . . .
2001 Das neue Kedama-Album ist zu unserem eigenen Erstaunen eine sehr gute Erfahrung geworden. Wir machten einfach dort weiter, wo wir vor 25 Jahren aufgehört hatten. Sie ist bereits erschienen und heisst 'Free Flights Fly Free'
2001

2002

Wir nehmen bereits wieder eine neue CD auf. Die Aufnahmen werden immer besser und auch etwas rockiger. Unter anderem haben wir etwas ähnliches wie einen Rap aufgenommen. Leider ist immer noch kein Producer in Sicht. Vielleicht wieder in 20 Jahren . . . ?!

2002

 August 2002: Wir haben schon wieder 5 neue Songs fertig, am 6. arbeiten wir und noch immer weiss niemand, was wir tun . . .
2002

2003

Die dritte CD mit 8 neuen Titeln wird von der Musik her fertig. Beim Umschlag fehlt noch einiges. Wir können und wollen nicht alles alleine machen. Wir möchten ja nur Musik machen! Kommt hinzu, dass es natürlich die Beste bis jetzt ist: die "desertegg". Die Neueste ist immer die Beste!
2003 Jetzt haben wir seit dem Jahr 2000 schon 3 CDs im Kasten. Noch immer weiss  niemand, dass es uns wieder oder überhaupt gibt. Wir tun ja auch nichts dafür. Es läuft uns musikalisch so gut; es wäre schade, die Zeit mit administrativem Aufwand zu vergeuden. Also machen wir Nägel mit Köpfen und gehen ins Gallus Studio St. Gallen. Dort mastert uns Jovi Widmer eine Auswahl aus diesen 3 CDs. Damit wollen wir dann endlich raus aus dem engen Zimmer. " . . . in black and white . . ." heisst sie - und es passierte wieder nichts. Wie sollte auch?
2004 Kedama ist immer noch dran. "hope is . . .", so der Arbeitstitel, entführt uns ab dem fünften Track in speziell völlig neue Welten.
2004 Rapper und Freestyler Odium da Pro verleiht der Kedama-Musik eine völlig neue rotzfreche Dimension. Wir produzieren 4 neue Songs mit ODP. Zusammen mit einer Instrumental-Version von "fine young criminal", sind das gerade mal gute 25 Minuten. Aber die lohnen sich. "Vilicht git's meh..." heisst die Mundart-CD.